Neue Spielräume bei Sonntagsöffnungen für automatisierte Mini-Supermärkte

31. Juli 2025 - Die Öffnung von Verkaufsstellen an Sonn- und Feiertagen ist ein sensibles Thema in der deutschen Einzelhandelslandschaft. Mit dem Aufkommen sogenannter Smart Stores – automatisierter, personalloser Mini-Supermärkte – zeichnet sich jedoch ein Paradigmenwechsel ab. Mehrere Bundesländer haben ihre gesetzlichen Rahmenbedingungen angepasst oder planen entsprechende Änderungen, um diesen digitalen Nahversorgungskonzepten den Betrieb an allen Wochentagen zu ermöglichen. Dabei geht es nicht nur um neue Vertriebsformen, sondern auch um strukturelle Antworten auf die Ausdünnung des stationären Einzelhandels, insbesondere im ländlichen Raum.

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Ein Beispiel für die Expansion dieser neuen Handelsform ist die Eröffnung eines Teo-Standorts in Trebur, Hessen, am 10. Juli. Die Gemeinde, nur wenige Kilometer vom Opel-Werk in Rüsselsheim entfernt, verfügt damit erstmals seit längerer Zeit wieder über ein Lebensmittelgeschäft – wenn auch auf gerade einmal 50 Quadratmetern Fläche. Der rund um die Uhr geöffnete Mini-Supermarkt setzt auf vollautomatisierte Technik und kommt vollständig ohne Verkaufspersonal aus. Für die Kommune ist die neue Verkaufsstelle ein Erfolg: Sie hatte sich über einen längeren Zeitraum hinweg aktiv um die Ansiedlung bemüht und stellt das Grundstück zur Verfügung.

Auch für den Betreiber Smart Retail Solutions, ein 2020 gegründetes Start-up aus Fulda, markiert der neue Standort einen Meilenstein. Denn erstmals kooperiert das Unternehmen nicht mit Tegut – dem ursprünglichen Mutterkonzern – als Warenlieferant, sondern mit Edeka. Die strategische Entscheidung traf die Genossenschaft Migros Zürich, die sowohl an Smart Retail Solutions als auch an Tegut beteiligt ist. Die Schweizer Muttergesellschaft verfolgt das Ziel, das Teo-Konzept von der angeschlagenen Supermarktkette Tegut zu entkoppeln und auf eine breitere Grundlage zu stellen. Inzwischen wurde die gesellschaftsrechtliche Verbindung zwischen Tegut und dem Betreiberunternehmen vollständig aufgelöst. Sichtbares Zeichen des Umbruchs: Die orangefarbene Tegut-Markenwelt weicht zunehmend einem neuen blauen Erscheinungsbild.

Die Neuorientierung von Smart Retail Solutions fällt in eine Phase intensiver Marktentwicklung. Deutschlandweit waren Anfang 2025 bereits rund 600 automatisierte Lebensmittelgeschäfte in Betrieb – Tendenz steigend. Im Wettbewerb um Marktanteile gibt es derzeit noch keine eindeutigen Platzhirsche, doch mit Teo (circa 40 Standorte), Tante M und Tante Enso (jeweils etwa 60 Filialen) kristallisieren sich erste Anbieter mit nationalen Expansionsplänen heraus. Darüber hinaus formieren sich kleinere Player mit regionalem Fokus, die ihrerseits das Potenzial für überregionale Relevanz besitzen.

Ein besonderer Fokus liegt auf dem ländlichen Raum: Rund 270 der bestehenden Smart Stores befinden sich in dünner besiedelten Gegenden. Hier fungieren die automatisierten Verkaufsstellen häufig als Ersatz für geschlossene klassische Supermärkte und sichern die Grundversorgung.

Der rechtliche Rahmen war bislang ein Hemmschuh für das Geschäftsmodell, insbesondere in Bezug auf den Sonntag. Doch in mehreren Bundesländern wurden die Ladenöffnungsgesetze bereits reformiert oder befinden sich aktuell in der politischen Diskussion. Den Anfang machte Mecklenburg-Vorpommern, wo seit Anfang 2024 sogenannte „Kleinstverkaufsstellen ohne persönlichen Kundenkontakt“ an Sonn- und Feiertagen öffnen dürfen – unter der Voraussetzung, dass sowohl Zutritt als auch Bezahlung digital erfolgen und keine Mitarbeiter im Einsatz sind.

Hessen zog im Sommer 2024 nach: Auf Initiative der neuen CDU/SPD-Landesregierung wurde das Ladenöffnungsgesetz überarbeitet, um vollständig automatisierten Mini-Märkten mit maximal 120 Quadratmetern Verkaufsfläche die Sonntagsöffnung zu ermöglichen. Verkauft werden dürfen dort ausschließlich Güter des täglichen Bedarfs – darunter Lebensmittel, Haushaltswaren und Hygieneartikel. Der Hessische Städte- und Gemeindebund begrüßte die Neuregelung ausdrücklich als Stärkung für strukturschwache Regionen. Das Gesetz ist zunächst bis 2030 befristet.

Auslöser war ein Gerichtsurteil – und der Druck auf die Politik

Den entscheidenden Impuls für die Gesetzesänderung in Hessen lieferte ein Urteil des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs Ende 2023. Die Richter hatten die Sonntagsöffnung der Teo-Läden untersagt – mit Verweis auf den Schutz der Sonn- und Feiertagsruhe. In der Folge musste Tegut seine Smart Stores am Sonntag vorübergehend schließen und warnte offen davor, dass das gesamte Geschäftsmodell ohne diese Option infrage stehen könnte.

Die politische Reaktion folgte prompt: Bereits im Juli 2024 verabschiedete der Landtag die Gesetzesänderung einstimmig. Thomas Stäb, Konzeptverantwortlicher bei Tegut, betonte gegenüber der Immobilien Zeitung, dass der Passus zur Ladenöffnung auf Betreiben seines Unternehmens in den Koalitionsvertrag aufgenommen worden sei. Jessica Becker, Sprecherin von Smart Retail Solutions, sprach sogar von einem „Meilenstein“ für den ländlichen Lebensmitteleinzelhandel. Ohne die Möglichkeit der Sonntagsöffnung, so ihre Einschätzung, seien automatisierte Nahversorger in strukturschwachen Regionen kaum wirtschaftlich zu betreiben.

Politische Debatte um den Sonntag – wirtschaftliche Notwendigkeit vs. gesellschaftliche Werte

Die Debatte über die Rolle des Sonntags als Ruhetag ist damit neu entfacht. Während der Handelsverband Deutschland (HDE) auf die Bedeutung der Smart Stores für die ländliche Versorgung und den Standorterhalt verweist, warnt die Gewerkschaft Verdi vor einer Aushöhlung des verfassungsrechtlich geschützten Sonntagsschutzes. In zwei Anfang 2024 veröffentlichten Positionspapieren bezog die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung Stellung.

HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth unterstrich die Relevanz der täglichen Verfügbarkeit für den wirtschaftlichen Erfolg der Märkte. Verdi-Vorstandsmitglied Silke Zimmer dagegen warnte davor, die Sonntagsruhe auch bei automatisierten Formaten auszuhebeln. Sie wies darauf hin, dass auch Smart Stores auf menschliche Arbeitskraft angewiesen seien – etwa bei der Belieferung, Wartung und Reinigung.

Auch in Bayern bewegt sich politisch etwas. Der Wirtschaftsausschuss des Landtags stimmte im Juni 2025 einem Gesetzentwurf der Regierungsfraktionen aus CSU und Freien Wählern zu. Dieser sieht vor, dass Gemeinden unter bestimmten Voraussetzungen Sonntagsöffnungen für automatisierte Kleinstsupermärkte mit bis zu 150 Quadratmetern genehmigen können – vorausgesetzt, die Verkaufsprozesse erfolgen vollständig digital und ohne persönlichen Kontakt.

Die Grünen gingen in ihrem Änderungsantrag sogar noch weiter: Sie forderten, die Sonntagsöffnung auf automatisierte Supermärkte mit bis zu 400 Quadratmetern Fläche auszudehnen – in Kommunen, die über keine Nahversorgung im Umkreis von fünf Kilometern verfügen. Dieser Vorschlag fand jedoch keine Mehrheit im Ausschuss.

Die zunehmende Verbreitung von Smart Stores verändert nicht nur die Nahversorgung im ländlichen Raum, sondern auch die politische Diskussion um die Rolle des stationären Handels, technologische Innovationen und arbeitsrechtliche Standards. Klar ist: Die Rahmenbedingungen passen sich aktuell an die Realität eines sich rasant wandelnden Handelsumfelds an – mit noch offenem Ausgang für alle Beteiligten.