Mulliez-Familie stoppt die Orsay-Subvention

09. Juni 2022 - In den 60er und 70er Jahren ist eine Reihe von Modeketten entstanden, die von der Verschiebung der Produktionen von den Hochlohnländern Westeuropas zunächst nach Osteuropa und die Türkei und schließlich nach Asien profitieren wollten. Es handelt sich dabei um bis heute existierende und bekannte Betreiber wie Zara, Esprit, S.Oliver, Bonita oder New Yorker, die die sog. „Fast Fashion“ vertreiben. Es handelt sich dabei letztlich um minderqualitative Waren, die billigst im Ausland produziert werden und ein schnelles Verfallsdatum haben.

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Auch die Gründung von Orsay fällt in diese Zeit. Die französische Handels- und Immobilienfamilie Mulliez (u.a. Decathlon, Auchan, Immochan) hat die Kette extra für den Vertrieb von Fast Fashion in Deutschland gegründet. Der Sitz der Orsay GmbH war seitdem in Willstätt (Baden-Württemberg) an der deutsch-französischen Grenze. Zunächst konnte die Modekette schnell expandieren. Bereits 1989 wurden um die 100 Läden betrieben. Gegen Ende der 90er Jahre wurde der Schritt in die Auslandsexpansion gewagt. 1996 kamen Österreich und die Schweiz zum Vertriebsgebiet hinzu, danach u. a. Tschechien, Ungarn und Polen. Die Expansion wurde weiterhin aus der deutschen Zentrale heraus koordiniert. Eine versuchte Etablierung der Marke in Frankreich ist in den 90er Jahren gescheitert. Die Mulliez-Familie betreibt jedoch in Frankreich andere Marken wie Pimkie oder Grain de Malice. 

Orsay ist nicht nur für den Mode-, sondern auch für den Immobilienmarkt wichtig gewesen. Der berühmte Expansionsleiter, Jean-Pierre Erb, der 2013 im Alter von 71 Jahren gestorben war, war für die Expansion von Orsay, Pimkie und Grain de Malice auf dem deutschen, österreichischen und schweizerischen Markt verantwortlich. Gesucht wurden stets 1a-Lagen, um die Sichtbarkeit der Marke zu maximieren. Dafür hatte der Expansionsleiter immer eine ganze Truppe im Schlepptau, die er an verschiedenen Abschnitten der Haupteinkaufsstraßen verteilte, um Frequenzmessungen anzustellen. So konnte häufig der beste Abschnitt der Straßen identifiziert und gesichert werden. Dank dieser innovativen Methode Standorte auszuwählen, wurden Orsay-Standorte schnell zu Orientierungspunkten für andere Händler und Investoren. 

Die Standorte waren nicht das Problem von Orsay, sondern das Markenimage. Im Laufe der Zeit schlich sich immer mehr der Ruf ein, dass die Kette nur generische Fast Fashion verkauft, der jegliches Profil fehlt. Die Folge: Die Umsätze in Deutschland haben zu sinken begonnen, die Top-Standorte rufen jedoch auch hohe Mietkosten ab. Diese Tendenzen ließen sich immer schlechter miteinander vereinbaren. Bereits seit einigen Jahren hat die Marke wohl Verluste in Deutschland, Österreich und der Schweiz hinnehmen müssen. Die Mulliez-Familie subventionierte das Geschäft, da Orsay über eine der Familie gehörenden Gesellschaft einkaufte, die insgesamt gut funktionierte. Die Ladenschließungen im Zusammenhang mit den politischen Maßnahmen während der Corona-Pandemie waren dann aber schlussendlich doch zu viel des Guten. Die im stationären Geschäft verloren gegangenen Umsätze konnten im Onlinegeschäft nicht kompensiert werden. Orsay konnte abseits der Läden nicht mehr genug auf seine Marke aufmerksam machen. 

Zwar gab es noch staatliche Hilfe aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) der Bundesregierung, dennoch kam es im November letzten Jahres zur Insolvenz. Zu diesem Zeitpunkt betrieb Orsay europaweit 708 Filialen, 197 davon in Deutschland. Im April diesen Jahres kam es dann zu einem ersten Schwung von Schließungen. Das Unternehmen hoffte vergeblich bis zuletzt auf die rettende Intervention eines Investors. Mulliez hatte bereits die Markenrechte an die Firma Gordon Brothers aus Boston (USA) verkauft, die auf Restrukturierungen spezialisiert sind. Nicht zuletzt werden die fehlenden Markenrechte potenzielle Investoren zusätzlich verunsichert haben.

Es steht noch nicht fest, wie es mit der Modefirma weitergeht. Gordon Brothers wird ein reges Interesse daran haben, dass die Marke nicht komplett wertlos wird, da ansonsten ihr Investment verloren gehen würde. Insbesondere in Osteuropa verfügt Orsay noch über einen gewissen Rest von Marken-Glanz. In Deutschland laufen derweil bis Ende Juni die Ausverkäufe. Die Suche nach Nachnutzern für die Flächen hat bereits begonnen. Der größte Vermieter in Deutschland ist mit 54 Geschäften der Shoppingcentermanager ECE.