Anfang 2019 schienen die Prophezeiungen endlich in Erfüllung zu gehen, als Mere aus Russland in Leipzig seine erste deutsche Filiale eröffnete. Hinter Mere steckt das russische Handelsunternehmen Torgservis. Mere eröffnete mit Preise, die im Schnitt 20 Prozent unter der deutschen Discount-Konkurrenz lagen. Mit 30 Prozent entfiel auch ein großer Anteil am Sortiment auf Aktionsware aus dem Non-Food-Bereich. Kunden waren von den günstigen Preisen zunächst begeistert und rannten die Türen förmlich ein.
Wie es jetzt jedoch mit Mere in Deutschland weiter geht, ist unklar. Grund für den aufkommenden Zweifel an weiteren Expansionsambitionen der Russen ist ein Vorfall, der sich in Altenkunstadt ereignete. TS Markt, die Mere-Muttergesellschaft aus Berlin, sagte in der fränkischen Gemeinde die Übergabe eines fertig ausgebauten Marktes am Vorabend ab. Die Firma Dria fungiert für ein Family-Office als Asset-Manager und war für die Übergabe, die ursprünglich für den 8. September vorgesehen war, verantwortlich. Bereits Ende 2020 wurde mit Mere ein Zehnjahresmietvertrag über rund 1.000 m² verhandelt. Die Idee war, dass der russische Discounter als Ankermieter für ein kleines Fachmarktzentrum eingeplant war und die Hälfte eines ehemaligen Rewe-Markts beerben sollte. Dria beschaffte Baugenehmigungen und führte Regie beim Umbau der Handelsfläche. Insgesamt sollen dadurch Kosten von rund 200.000 Euro entstanden sein.
Am Vorabend der Übergabe kam dann die Hiobsbotschaft: Mere sagt ab. Die Begründung: Das Expansionsteam in Deutschland sei aufgelöst worden. Alexander Dahlke, Geschäftsführer von Dria, berichtet der Immobilienzeitung, wie er sich anschließend darum bemühte Kontakt zu TS Markt aufzunehmen. Dabei hat er jedoch ernüchternd feststellen müssen, dass außer einer Dolmetscherin niemand deutsch sprechen könne. Entsprechend scheiterte sein Versuch an die Geschäftsführung heranzukommen und ihnen eine Erklärung abringen zu können. Mittlerweile kommunizieren beide Seiten nur noch über Rechtsanwälte miteinander.
Auf eine Anfrage der Immobilienzeitung hin dementiert TS Markt, dass das Geschäft in Deutschland abgebrochen werden würde. Auch aus dem näheren Umfeld von Mere ist zu hören, dass das Thema Deutschland noch nicht vom Tisch sei. Für die Zukunft würde eine erneute Aufnahme der Expansion nicht ausgeschlossen. Unter Umstände hängt der ganze Zwischenfall mit den ambitionierten Plänen Meres zusammen, zeitnah den Markteintritt in Frankreich, Großbritannien und den USA umsetzen zu wollen. Zusätzlich beschwert sich ein ehemaliger Mitarbeiter über unfairen Wettbewerb der eingesessenen Deutschen Akteure. So sollen angeblich Lieferanten unter Druck gesetzt worden sein, nicht an die Russen zu liefern.
Dahlke fordert nun Schadensersatz. Durch die ausgebliebene Übernahme der Fläche wären Schäden entstanden, da das Fachmarktzentrum durch das Ausbleiben des Discounters als Ankermieter deutlich an Attraktivität und Verkehrswert verlieren würde. Natürlich bleibt auch noch der Mietausfall, der durch das Fehlen Meres direkt verursacht wird, zu beklagen. Ein möglicher Schaden könnte sich im niedrigen einstelligen Mio.-Euro-Bereich bewegen.
