Der Sommer dieses Jahr war besonders heiß und trocken. Aus einem Bericht der europäischen Dürrebeobachtungsstelle geht hervor, dass für Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, dem Vereinigten Königreich und noch weiteren Ländern in diesem Jahr eine erhöhte Dürregefahr besteht. Eine ordentliche Hitzewelle gepaart mit anhaltender Trockenheit sind dafür maßgeblich verantwortlich. Über die europäischen Grenzen hinaus waren die damit verbundenen Probleme bis ins Reich der Mitte zu spüren. Selbst China meldete Wassermangel an.
Die Folge solcher extremen Bedingungen sind Ernteausfälle. Die Vereinten Nationen warnen, dass momentan 750.000 Menschen weltweit dem Hunger erliegen könnten. Um mehr Lebensmittel herzustellen und die Herstellung weiter zu diversifizieren, um besser gegen extreme Wettererscheinungen vorbereitet zu sein, könnte der Immobilienbranche künftig eine prominentere Rolle zukommen. Es würde bedeuten, dass die eigenen Gebäude für die Produktion von Lebensmitteln genutzt werden, was gleichzeitig zu höheren Renditen führen könnte.
Ein Vorzeigeprojekt für das Vertikal Farming entsteht etwa gerade in Paulinenaue im Havelland, in der Nähe von Berlin. Eine 54 m lange, 22 m breite und mehr als 8 m hohe Stahlträgerhalle soll die Produktion von Lebensmitteln unabhängig der Wetterverhältnisse ermöglichen. Es braucht weder Sonnenlicht noch Pestizide und lediglich geringe Mengen an Wasser. Ende des Jahres soll das Gebäude fertiggestellt sein und den Betrieb aufnehmen. Hinter dem Projekt im Havelland steht die Firma Bioenergieland, die in den kommenden Jahren noch weitere und größere solcher Produktionshallen realisieren möchte. Bereits nächstes Jahr soll am selben Standort ein großer Bruder entstehen. Das Folgeprojekt soll in Form einer Halle daherkommen, die 112 m lang und 34,5 m breit sein wird.
Carsten Probst, Gesellschafter der BEL Bioenergieland, erklärt die Dimensionen des Projekts: „In der Halle wird Platz sein, um acht Regale mit einer Länge von 90 m unterzubringen, die jeweils über – je nach Pflanze – bis zu acht Ebenen verfügen, in denen die Jungpflanzen aufgehängt werden. So kommen wir auf 11.500 m² Anbaufläche in einer Halle. Das entspricht ca. 125 ha Anbaufläche aus der konventionellen Landwirtschaft. Probst verdeutlicht die Größe des Projekts: „Dabei haben nur rund 10 Prozent aller Landwirte in Deutschland überhaupt eine Betriebsgröße von mehr als 80 ha.“
Diese Gewächshäuser im Logistikhallenformat bezeichnet Bioenergieland als „Klimakammern“. Diese können prinzipiell überall aufgebaut werden: „Baurechtlich können sie auf Gewerbegrundstücken errichtet werden, auf Industriebrachen, kontaminierten Heeresgeländen, integriert in bestehende Lagerflächen oder Logistikhallen oder großflächigen Einzelhandel.“ Dennoch hat es das Unternehmen für einen Prototyp in die ländliche Idylle gezogen: „Aufgrund des Platzbedarfs, den wir mit der weitgehend autarken Energieversorgung haben, gehen wir gern vor die Tore der Stadt, da wir dort mit vereinfachten und schnelleren Genehmigungsverfahren bauen können.“
Konventionelle Landwirtschaft ist eine dem Menschen seit vielen Tausenden Jahren zugängliche Art, die Energie der Sonne zu nutzen. Die Pflanzen wachsen auf dem Acker und nutzen das Licht der Sonne, um zu wachsen. Anschließend können Menschen diese dank der Sonne gewachsenen Früchte ernten und nutzen, entweder für Nahrung oder beispielsweise auch als Kraftstoffe. Entsprechend müssen Vertikal-Farming-Konzepte diese Energie anders aufbringen. Bei dem Projekt im Havelland geschieht dies über eine zusätzlich geschaffene, leistungsstarke Photovoltaikanlage. Bei der vermehrten Nutzung dieser Technologie sollte jedoch auch nach günstigeren Zugängen zu Wärme und Energie nachgedacht werden, um die Effizienz der Produktion zu steigern. Eine attraktive Möglichkeit würde beispielsweise darin bestehen, eine Vertical Farm in der Nähe eines Rechenzentrums zu platzieren, sodass die Abwärme der Server-Farmen in den Kreislauf der Vertical-Farmen zurückfließen kann.
Für Eigentümer von Immobilien schaffen die Möglichkeiten des Vertical oder Urban Farmings weiteres Potenzial. Beispielsweise könnte man sich einerseits auch eigene Lebensmittelproduktionsstätten in städtischer Lage vorstellen, aber auch Add-on-Lösungen, um zusätzliche Rendite zu generieren oder eine nachhaltigere Klassifizierung zu erhalten sind denkbar. So könnten etwa die bestehenden Dachflächen von Supermärkten oder anderen Handelsbetreibern in vielen Fällen für eine zusätzliche Nutzung infrage kommen. Genauso verhält es sich bei Plattenbausiedlungen, die über flächenmäßig große Flachdächer verfügen. Natürlich sind auch zahlreiche Nutzungsarten in Form von kleineren Indoor-Farms vorstellbar.
