Nach dem vorläufigen Entscheidungsentwurf des Kartellamts sind 38 Tegut-Märkte in 37 Markträumen von der Übernahme durch Edeka betroffen. Davon würden drei der vier Edeka-Regionalgesellschaften direkt betroffen sein, die Tegut-Мärkte übernehmen wollten. Im Bereich Hessenring, dem Kerngebiet von Tegut, würden 22 Standorte in die Prüfung fallen. In dem Einzugsgebiet läge der voraussichtliche Anteil von Edeka nach der Übernahme in fünf Fällen über der 40-Prozent-Marke. Vierzehn Flächen würden zwischen 35 und 40 Prozent liegen, und drei Standorte würden unter der 35-Prozent-Grenze bleiben. Hessenring gehört zu den Regionen mit dem höchsten Marktanteil, wobei der Absatzbereich von Mittelhessen bis nach Süd-Niedersachsen sowie Nord- und Mittel-Thüringen laut Trade Dimensions im vergangenen Jahr einen Gesamtmarktanteil von rund 32 Prozent für Edeka ausweist. Die Netto-Discounttochter würde in diesem Gebiet voraussichtlich etwa sieben Prozent erreichen.
Im Hessenring hat Edeka insgesamt etwas mehr als 50 Standorte zur Übernahme angemeldet, mit dem Ziel, diese an eigenständige Kaufleute übergeben. Die Netto-Standorte sind bislang noch nicht in die Kalkulation mit eingerechnet. Über alle vier Edeka-Regionen zusammen betrachtet, beläuft sich die Anzahl der beantragten Tegut-Übernahmen laut Recherchen auf etwas mehr als 60 Filialen. Auf Anfragen ließ Edeka offen, wie viele der insgesamt 38 problematischen Standorte tatsächlich als Netto-Filialen geplant sind. Die Discounttochter soll laut Informationen künftig vornehmlich die kleineren Flächen betreuen, die für die Kaufleute wenig Ertrag abwerfen.
Die Region Nordbayern-Sachsen-Thüringen, in der rund 15 Tegut-Märkte übernommen werden sollen und auf Kaufleute übertragen werden, weist gemäß dem vorläufigen Entwurfsdokument ebenfalls mehrere Flächen auf, die dem Kartellamt kritisch erscheinen. Unter diesen befinden sich demnach auch einige, die für Netto vorgesehen waren. Drei Filialen würden einen Marktanteil von über 40 Prozent aufweisen, während zehn Standorte zwischen 35 und 40 Prozent lägen.
Die Südwest-Region sei hingegen deutlich weniger betroffen: Von insgesamt etwas über 50 angemeldeten Flächen entfiele allein eine in Aalen über die 40-Prozent-Marke. In Riedstadt in Südhessen wies eine Tegut-Filiale ein Umfeld auf, in dem Edeka unter 35 Prozent Marktanteil bleiben würde. In der Regel sieht das Amt hier keinen kartellrechtlichen Konflikt vor, was die Region Südwest gegenüber den anderen stärker entlastet.
Besonders optimistisch zeigt sich Edeka in der Region Bayern-Süd, wo nach der Übernahme der rund 15 geplanten Märkte kein erfolgskritisches Wettbewerbsproblem in einem der Einzugsgebiete festgestellt wird. Im Fokus stehen hierbei vor allem die ehemaligen Basic-Bio-Standorte in München, die laut Planung zu Biomärkten der Edeka-Marke Naturkind weiterentwickelt werden sollten.
Insgesamt hatte Edeka beim Kartellamt 202 Tegut-Standorte zur Prüfung angemeldet, allerdings soll das Unternehmen den Wunsch, Tegut vollständig zu übernehmen, entsprechend stark verfolgt haben. Um kartellrechtliche Hürden zu umgehen, habe Migros Zürich, die Tegut-Mutter, dem Konzern jedoch keine weiteren Standorte mehr angeboten und stattdessen rund 40 Filialen Rewe zugeordnet. Bestandteil des Deals ist ebenso die Übernahme von Produktion und Logistik durch Edeka. Sollte das Kartellamt die Übernahme der 38 problematischen Standorte endgültig ablehnen, könnten auch weitere Elemente des Geschäfts in Frage gestellt werden, inklusive der logistischen Infrastruktur und der Bäckerei-Verträge. Dies könnte nach Informationen aus Kreisen der Verhandlungspartner rund 250 Arbeitsplätze betreffen. Eine Stellungnahme von Edeka zu diesem Punkt blieb aus, während Migros Zürich zuversichtlich bleibt, einen passenden Übernehmer für den Großteil der betroffenen Standorte zu finden und bereits Gespräche mit mehreren Interessenten führe.
Zur Methodik der kartellrechtlichen Bewertung hat das Amt im Vergleich zu früheren Fusionsprozessen Anpassungen vorgenommen. Von den 38 Standorten, deren Übernahme Edeka untersagen will, würden die meisten nach der Übernahme in ihren Einzugsgebieten Marktanteile von über 35 Prozent aufweisen. Vier Fälle würden trotz eines Anteils unter 35 Prozent als kritisch eingestuft, basierend auf höheren Anteilen im Kerngebiet und den gesamten Umstände. Zudem habe das Amt die Abgrenzung der Absatzregionen neu festgelegt, insbesondere bei kleineren Tegut-Standorten, wo Einzugsgebiete in feine Kerngebiete bis zur fünften Postleitzahl untergliedert worden seien.
Die Tegut-Investitionen sorgten bisher auch außerhalb Deutschlands für Aufsehen. In Zürich und Hamburg wächst der Unmut über die kartellrechtlichen Prüfungen. Migros Zürich, Teguts Muttergesellschaft, zeigte sich bislang zu einer Stellungnahme nicht bereit, betonte jedoch, dass der Wettbewerb im deutschen Lebensmitteleinzelhandel als moderat eingeschätzt werde. Die Profitabilität des Tegut-Engagements wurde seit der Übernahme durch Migros im Jahr 2012 trotz erheblicher Investitionen nur in den Krisen- bzw. Corona-Jahren 2020/2021 deutlich. Die jüngsten Verluste summieren sich laut Migros-Gruppenchef Mario Irminger in den letzten Jahren auf dreistellige Millionenbeträge. Diese Belastungserträge tragen auch intern zu Diskussionen bei, während der Gesamtverlust des Tegut-Projekts laut Informationslage bis in die mittlere zweistellige Hundertmillionenrange reicht. Ein geordneter Exit aus Deutschland soll laut Migros bislang den Verlust in dieser Größenordnung begrenzt haben, wobei vor allem der Wert von Tegut-Assets wie dem Zentrallager und der Bäckerei Herzberger sowie Zahlungen für Standortübergaben an Edeka und Rewe eine Rolle spielen.
Hinweis: Das verhandelte Verfahren und die konkreten Zahlen beruhen auf dem vorläufigen Entscheidungsentwurf des Bundeskartellamts sowie Informationen aus Branchenquellen. Änderungen in der finalen Entscheidung oder neue Verhandlungen können zu Anpassungen der dargestellten Lage führen.
