Der Megastore als Markenbotschafter

07.08.2026 - Der Coop-Standort in Winterthur beweist eindrucksvoll, wie ein Megastore die gesamte Markenstrategie eines Händlers prägen kann. Knapp vier Jahre nach seiner Neueröffnung fungiert er weiterhin als Leuchtturm des Konzerns, der insgesamt rund 1 000 Standorte unterschiedlicher Größe betreibt. Zu diesen Megastores zählt auch die 5 200 Quadratmeter große Filiale im Grüze-Markt, deren Aufbau und Angebot Live-Beispiele liefern, wie der Schweizer Lebensmitteleinzelhandel von einem klaren Konzept, geradliniger Positionierung und konsequenter Qualität profitieren kann. Die Bedeutung solcher Großflächen spiegelt sich dabei auch in der zurückhaltenden, aber stetigen Abwärtsbewegung der Migros-Kontrahenten wider, wie Marktbeobachter beobachten. Was sich in Winterthur zeigt, zieht sich durch eine Vielzahl kleinerer Coop-Standorte hindurch und prägt dort das Profil.

Quelle: Coop/coop.ch

Der Einstieg des Besuchs überrascht auf den ersten Blick: Die Führung durch Geschäftsführer Naim Trolli setzt nicht darauf, den Kunden unmittelbar mit Obst, Gemüse oder Thekenwelten in den Einkauf hineinzuziehen. Stattdessen öffnet sich der Rundgang über eine breit angelegte Aktionsstrecke. Trolli, der den Grüze-Markt seit dem Umbau im Jahr 2021 leitet, bevorzugt wechselnde Angebote und regelmäßige Sortimentsneuerungen, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Markt ziehen. Dabei driftet der Fokus nicht nur auf Warensortimente ab, sondern auch auf die präsente Gestaltung: Nach dem Eingang markiert die nachhaltige Eigenmarke Naturaplan den Auftakt, wobei das Sortiment inzwischen rund 9 000 Artikel umfasst – von Nonfood- bis Nearfood-Produkten.

Angesichts der Preissituation im Schweizer Handel, der international gesehen oft als hoch wahrgenommen wird, behalten die Verantwortlichen die Bedeutung von Aktionen im Blick. Dennoch will Trolli den Weg durch die Verkaufsfläche nicht durch eine Flut von Displays verkleinern; der Weg soll übersichtlich bleiben, damit der Kunde Zeit und Raum für einen entspannten Einkauf hat und schwere Güter zielsicher in den Wagen gelangen. Großeinkäufe bleiben dabei eine strategische Säule des Erfolgs. Die Marktführung verweist darauf, dass der erste Halbjahreszeitraum eine erneute Zuwendung der Marktanteile an Coop gegenüber Migros gesehen habe – eine Entwicklung, die man in der Schweiz genau im Blick behalte.

In der Gestaltung der Aktionsflächen zeigt sich die Schweizer Handwerkskunst des Handels: Wird der Rundgang fortgesetzt, öffnet sich auf der rund 150 Quadratmeter großen Drogeriefläche ein Bereich, der die Präzision des Coop-Ansatzes besonders deutlich sichtbar macht. Die hauseigene Vitality-Apotheke ist mall-integriert, doch die Drogerie bestückt ihr Sortiment mit einer umfangreichen Auswahl. So umfasst das Angebot hier unter anderem 88 Conviva- und 468 Vivavita-Produkte – darunter Pflaster, Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminpräparate. „Dieses Segment hat eine besondere Bedeutung für uns“, erklärt Hyseni, der Regionalverkaufschef. Ein Großteil der Produkte kommt nicht nur aus der Eigenmarke, sondern wird auch intern hergestellt – in der Nähe produziert die Coop-Tochter Steinfels Swiss Cremes, Sonnenmilch und ähnliche Artikel.

Vom Drogeriebereich aus führt der Rundgang weiter zur Warenseite, wo Nonfood und Spielwaren zunächst den Blick bestimmen. Die Kaufhauskompetenz von Coop City kommt hier in den Weiten der Großfläche zur Geltung, während Marken wie Tchibo in der Nähe verborgen bleiben. Danach öffnet sich der Weinbereich, der mit rund 1 100 Sorten ein Schwerpunkt des Sortiments bildet. Für Liebhaber gibt es den Coop-Weinclub Mondovino, und regelmäßig finden Tastings statt. Trolli betont: Wer eine Flasche bis zu 100 Franken sucht, wird im Sortiment fündig. Gleichzeitig bleiben auch schlichte, erschwingliche Tropfen unter 10 Franken durch Aktionen oder das Prix-Garantie-Label von Coop – das im Markt 1 500 Mal vertreten ist – attraktiv. Trolli betont: Die Flexibilität beim Sortiment ist ein zentraler Bestandteil des Erfolgs, denn die Platzierung der Angebote wirkt unmittelbar auf den Einkaufsumfang der Kunden.

Die Bedeutung der Weinkategorie wird besonders deutlich, setzt man sie in Relation zur Molkereiprodukte-Sektion: Beide Bereiche nehmen eine vergleichbare Fläche ein. Die Molkereiprodukte folgen danach und umfassen etwa 2 100 Artikel, bevor Obst und Gemüse den Kundenlauf abschließen – hier, wie in der Schweiz bekannt, als Vitamin-Kategorie – mit rund 740 Artikeln. Die Sparsamkeit der Schweizer Kundschaft zeigt sich auch in Aktionen wie dem 30-Prozent-Rabatt pro Plastiktüte bei Obst und Gemüse, was die Einkaufslogik weiter prägt: In der Regel passen drei Kilogramm Ware in eine Tüte.

Nun kommt der eigentliche Kern des Geschäfts: die Frischeabteilung. „Unser Herzstück“, beschreibt Hyseni die Frischetheken, von denen fast ein Drittel des rund 150-köpfigen Marktpersonals dort beschäftigt ist. Die Bedeutung geht über den Thekenverkauf hinaus: Die Bäckerei vor Ort produziert 30 Brotsorten und Zöpfe aus Mehl und Wasser, während hinter der Fischtheke Lachs selbst geräuchert wird und das gesamte Fischsortiment auf rund 410 Artikel anwächst. Die hauseigene Wurstherstellung vor Ort – eine Besonderheit – zeigt, wie nah der Produktionsprozess am Endkunden liegt. Die Mitarbeiterin Vreni bereitet die Brühwürste direkt im Markt vor. Insgesamt umfasst das Frische-Sortiment 1 480 Artikel, darunter auch Frische-Convenience-Produkte, die fast vollständig vor Ort hergestellt werden. Der Thekenbetrieb erstreckt sich zudem auch auf die Ostschweiz, wo Trollis Team Bestellungen über den Coop-Lieferdienst über Nacht abwickelt.

Zwischen Fleisch- und Backwarentheken befindet sich das Chäs-Huus, ein begehbares Holzhäuschen, in dem rund 300 Käsesorten aus Ostschweizer Kleinbetrieben unter idealen Bedingungen reifen – bei einer konstanten Temperatur von 14 Grad und einer Luftfeuchte von 94 Prozent. Dieses Reifekonzept entspricht einem natürlichen Käsekeller. Das Personal pflegt täglich die Käselaibe, berät die Kundschaft und bietet Verkostungen an. Damit nicht jede Kundin oder jeder Kunde einen ganzen Laib käse kaufen möchte, bereiten die Mitarbeitenden den Käse für die Selbstbedienung vor. Der „Käsehumidor“ gilt als Highlight des Superbereichs. Die Kosten hierfür bleiben eine Unternehmensangelegenheit, über die selbst andere Marktführer wie Rewe-Chef Lionel Souque kein konkretes Preis- und Investitionsniveau preisgeben würden.

Trotz all der Attraktionen – Theken, Ladenbau, Frischeabteilungen – bleibt der Standort als Supermarkt erkennbar. Die Sinnlichkeit des Einkaufserlebnisses wird zwar betont, doch am Ende zählt die Ware und ihr Preis. Selbst an der Kassenzone gibt es Besonderheiten: Es gibt nicht mehr reine Selbstbedienungskassen, sondern ein hybrides System – rund 35 Prozent des Umsatzes läuft über Handscanner, die bei Coop Passabene heißen. Eine besondere Dimension des Marktes ist die Kinderkasse: Sie ist stets besetzt und in einem eigenständigen Häuschen positioniert, wo junge Kundinnen und Kunden die Ware eigenständig scannen können; Bezahldaten werden anschließend von einem Mitarbeiter erfasst.

Aus Bestandskundenperspektive überrascht es, dass Parkgebühren im Winterthurer Megastore nicht inklusive sind. Für deutsche Besucher mag das irritierend wirken, doch die Regelung ist gesetzlich bedingt, wie Hyseni erläutert. Damit zeigt sich, dass auch in einem starken Markenformat wie Coop die Kundenzufriedenheit Grenzen hat, die sich aus rechtlichen Vorgaben und betrieblichen Notwendigkeiten ergeben.

Insgesamt präsentiert sich der Coop-Grüze-Markt in Winterthur als Musterbeispiel dafür, wie Betriebsführung, Sortimentsvielfalt, Frischekompetenz und eine klare Markenperspektive zusammenwirken, um eine starke Standortleistung zu entfalten. Der Mix aus Großfläche, regionalem Bezug und eigener Produktion schafft eine einzigartige Balance zwischen Erlebnis und Ware – eine Kombination, die den Schweizer Supermarktsektor nachhaltig beeinflusst und zeigt, wie eine Kette von Publikums- und Regionalitätssignalen profitieren kann.