Die Verschiebung des Biogeschäfts geht weiter in Richtung des konventionellen Lebensmitteleinzelhandels (LEH) und weiter fort vom Fachhandel. Trotz steigender Inflation und Rezessionsängsten schafft es der LEH, der mehr als 62 Prozent des Marktes ausmacht, im eigentlich schwächelnden Biosegment noch zu wachsen. Zurückzuführen ist dies primär auf die Discounter, denn die Markenartikelhersteller und Naturkosthändler sind derzeit in Schwierigkeiten.
So rechnet AMI-Marktanalystin Diana Schaack mit einem Umsatzrückgang von ungefähr fünf Prozent in der Branche der ökologischen Lebensmittel. Trotz des erwarteten Rückgangs erzielten Discounter und Drogeriehändler im August ein Plus von 13 Prozent. Dagegen verloren die Fachhändler im selben Monat drei Prozent Umsatz.
Kunden greifen nun verstärkt zu Eigenmarken und günstigeren Produkten. Dieses veränderte Kaufverhalten führt zu rasanten Umsatzverschiebungen. Auf den Öko-Marketingtagen kündigen Edeka, Rewe, Tegut, dm und Kaufland an, das Angebot von Bioprodukten weiter auszubauen. Da sich der Fachhandel auch in den nächsten Jahren auf die schrittweise Ausbreitung der Discounter vorbereiten muss, müsse er „seine Position schärfen“ sagt Professor Stephan Rüschen von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn.
Auch das Thema Preis wird in der Branche vermehrt eine Rolle spielen. Die Inflationsrate ist bei Bioware mit rund fünf Prozent zwar geringer als bei anderen Lebensmitteln, allerdings pochen Bioverbände, Hersteller und Fachhändler auf „wahre Bio-Preise“ und eine Abgabe für Pestizide, die die Folgen der konventionellen Landwirtschaft auf die Umwelt abbildet.
Zeitgleich steigt der Druck bei Bio verschiedene Preisstufen im Sortiment anzubieten. Der Biopionier Tegut reagierte 2020 mit Preiseinstieg durch das neue Label Tegut Bio. Mit Alternativprodukten zu einem geringeren Preis fand man eine gute Reaktion auf den „Billiges Bio“ Trend, der sich auch 2023 weiter fortsetzen wird. Tegut-Geschäftsführer Thomas Gutberlet meint, der Branche müsse es gelingen, den Kunden nach vorn zu stellen, Bio jetzt auszubauen und Qualitäten weiterzuentwickeln.
Auch Robert Poschacher, Bereichsleiter Produktmanagement bei Edeka, will Kunden Bioprodukte näherbringen. Mit der Dachmarke Naturkind setzt man neben den Bio-Topmarken des Fachhandels auf die der Eigenmarke. Allerdings wächst die Sorge aufgrund des erwarteten Umsatzrückganges im Gesamtmarkt, man könne die bis 2030 angestrebten 30 Prozent Bioanbau nicht zu erreichen. Um das Ziel doch noch zu erreichen, fordert Rewe-Bioexperte Marcus Wewer eine Informationskampagne der Bundesregierung sowie der Branche, um Kunden von Bio zu begeistern.
